Geschichte des Bonner Stadtteils Graurheindorf

1131 bis 2019: 888 Jahre Graurheindorf im Zeitraffer


Die Lage

Graurheindorf liegt landschaftlich reizvoll in der Bonner Rheinebene. Tektonische Veränderungen des Rheinischen Schiefergebirges und die erodierende Tätigkeit des Rheins haben der Landschaft über Jahrmillionen eine markante, terrassenartige Struktur verliehen. Graurheindorf liegt zum Teil auf der 55 m hoch gelegenen, hochwasserfreien ‚Inselterrasse‘. Sie wird so genannt, weil sich die meisten Rheininseln auf diesem Niveau befinden. Aus der Vogelperspektive betrachtet wirkt diese Fläche wie ein Rücken, der sich nach Nordwesten verschmälert und schließlich bei Hersel verschwindet. In südöstliche Richtung ist der Inselterrasse stellenweise ein schmaler Streifen zwischen Bach und Rhein vorgelagert, der mit einer Höhenlage von 50 bis 52 m von Überflutungen bedroht ist. Das zeigen auch die jüngsten Hochwasserereignisse von 1993 und 1995.

Weite Teile Graurheindorfs sind mittlerweile als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Das Gebiet umfasst das Rheinufer, die vorwiegend landwirtschaftlichen Nutzflächen auf dem Klosteracker nordwestlich des Dorfgebiets, den Rheindorfer Bach mit seinen Uferbereichen und den anschließenden Kleingärten sowie den korridorartigen Freiraum auf dem Lausacker.

Rechtsrheinisch gegenüber Graurheindorf befindet sich das Naturschutzgebiet ‚Siegaue‘. Die Hauptmündung der Sieg in den Rhein - heute gegenüber der Fähranlegestelle - traf bis Mitte des 19. Jh. weiter stromaufwärts kurz vor der heutigen Autobahnbrücke rechtwinklig auf den Rhein. Die schwierigen Strömungsverhältnisse im Mündungsbereich trugen dieser Passage bei der Schifffahrt die Bezeichnung ‚Rheindorfer Loch’ ein. Mitte des 19. Jh. verlegte man die Siegmündung an die heutige Stelle.

Viele nutzen die Landschaft für die Tages- und Wochenenderholung.

 

Ursprünge der Besiedlung

Die ältesten Funde, die auf eine Besiedlung des heutigen Dorfgebiets hinweisen, sind über 2000 Jahre alt, daneben gibt es Funde aus der 400 Jahre währenden Römerzeit. Die Ursprünge der dörflichen Besiedlung mit der auffälligen Anordnung der Häuser entlang der Straße liegen wahrscheinlich in der fränkischen Zeit (5. bis 9. Jh.).

 

Die Burg, das Kloster und die Kirche

Erste schriftliche Zeugnisse von der Existenz Graurheindorfs - im zeitgenössischen Sprachgebrauch 'Rindorp' genannt - datieren aus dem 12. Jahrhundert. Hierin finden auch die Burg, das Kloster und die Kirche erstmalige Erwähnung. Die Burg war zu der Zeit eine Wasserburg, angeschlossen war ein Hof mit einigen Wirtschaftsgebäuden. Unweit der Burg standen Bach aufwärts zwei Mühlen. Der Sockel einer Mühle ist als ‚Müllestumpe’ noch erhalten. Wahrscheinlich 1149 wurde das Kloster gegründet. Es unterstand der Aufsicht des Zisterzienserklosters von Heisterbach, die Kirche war somit Patronatskirche. Der Glaube und die Kirche hatten bis Mitte des 20. Jh. großen Einfluss auch auf das tägliche Leben. Der Farbe der Ordenstracht der Nonnen verdankt Rheindorf den Beinamen 'Grau', der seit Mitte des 14. Jh. Verwendung findet. Während der Zeit der französischen Herrschaft verfiel das Kirchengebäude. Dem Neubau 1806 folgten bis zur Fertigstellung im Jahr 1875 mehrere Umbauten. Südlich am Turm der Kirche wurde 1924 eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Gefallenen der Weltkriege errichtet.

 

Das geteilte Dorf

Der untere Bachlauf von der Burg bis zur Mündung in den Rhein markierte die Grenze, die den Ort seit jeher in zwei Verwaltungsbezirke trennte. Es gibt im Übrigen gute Argumente dafür, dass dieser Bacharm nicht - wie gemeinhin angenommen - einem natürlichen Verlauf folgt, sondern im Gegenteil künstlich zur Entwässerung der Anbauflächen angelegt wurde und somit vielmehr ein markantes Beispiel zeitgenössischen architektonischen Schaffens ist. Das Oberdorf südlich des Bachs gehörte zur Stadt Bonn, das Unterdorf nördlich des Bachs zum Dingstuhl Widdig. Erst 1809 schlugen die Franzosen auch das Unterdorf durch Präfekturentscheid der Stadt Bonn zu.

 

Kriege

Zwischen dem Ende des 16. bis zum Beginn des 18. Jh. geriet Graurheindorf in den Sog zahlreicher Kriegsgeschehen. Straßennamen ('An der Pfaffenmütze') und Flurbezeichnungen ('Auf der Batterie') zeugen von der Belagerung einer Festungsanlage auf dem Kemper Werth, die die Holländer errichtet hatten. Die Reunionskriege Ludwigs XIV betrafen auch Graurheindorf und seine Burg, die 1689 - wie die gesamte Stadt Bonn - zerstört wurde.

 

Die Pest

Bei der Pestepidemie 1666 starb ein Drittel der Bewohner. Die Legende berichtet, dass die Graurheindorfer in ihrer Not in einer Prozession um den Ort zogen und die Schutzheiligen um Beistand baten. Mit diesem Tag sei die Pest im Ort erloschen, während sie in Bonn und Umgebung weiter wütete. Trost in diesen Notzeiten soll auch ein hochprozentiges Getränk gespendet haben, der 'Gebrannte', der noch heute im Rahmen der Dorfkirmes nach einem streng gehüteten Rezept hergestellt und ausgeschenkt wird.

 

Leben und arbeiten in Graurheindorf

Die bäuerliche Lebensweise mit überwiegender Selbstversorgungswirtschaft prägte den Ort seit frühester Zeit. Hiermit verbunden war auch eine enge wirtschaftliche und soziale Vernetzung innerhalb des Dorfs. Produkte zum Leben und Arbeiten wurden im Dorf hergestellt und verkauft. Ursprünglich wurde in Graurheindorf neben Gemüse und Getreide sogar Wein angebaut. Die schmalen Gassen, die dem Ort noch heute eine prägnante Struktur verleihen, sind damals für die Bewirtschaftung der Weinanbauflächen angelegt worden. Die Anbauflächen gehörten oftmals nicht den Bauern. Sie hatten die Anbauflächen in der Regel von meist ortsfremden Grundeigentümern gepachtet und mussten daher einen Teil des Ertrages an diese abführen.

Auf dem Rhein wurden schon seit frühester Zeit Menschen befördert und Waren transportiert. Bis ins 19. Jh. wurden die Schiffe stromaufwärts von Pferden entlang der ‚Leinpfade’ gezogen (‚Leinschifffahrt’).

 

Graurheindorf im Wandel

Der Beginn des Industriezeitalters brachte auch für Graurheindorf bedeutsame Veränderungen. Die Dampfschifffahrt machte die Leinschifffahrt überflüssig. Auf dem Gebiet der vormaligen Handelswerft entstand 1924 die Hafenanlage. In der Folge siedelten sich mehrere Industriebetriebe an, darunter die Auermühle, deren beeindruckende Speicher- und Mühlenbauten heute als Bürogebäude genutzt werden.

Ende des 19. Jh. hatte der Ort etwa 1.200 Einwohner. 1925 waren es bereits über 1.700. Mit steigender Einwohnerzahl hat sich auch die Erwerbsstruktur in dem einstigen Bauerndorf verändert. Die lokalen Anbauflächen konnten die gewachsene Bevölkerung nicht mehr versorgen, und so gewannen auch in Graurheindorf urbane Berufe an Bedeutung. Landwirtschaftliche Betriebe, Geschäfte und Gasthöfe sind inzwischen weitgehend aus dem Dorfbild verschwunden. Ende des 17. Jh. zählte Graurheindorf etwa 500 Einwohner. Allein im Mündungsbereich des Rheindorfer Bachs gab es zu der Zeit drei Gasthöfe. Heute hat Graurheindorf über 3.000 Einwohner - aber nur noch einen Gasthof!

Allen kleineren und größeren Veränderungen zum Trotz: Seinen dörflichen Charme hat sich Graurheindorf bewahrt.